Diesen Beitrag druckenSuccessful Ageing (SA) Erfolgreiches Altern
Mit diesem Begriff sprechen Sozial- und Humanwissenschaften seit rund 50 Jahren über den gelungenen Lebensabend.
Wie sieht das Alter idealerweise aus? Wem ist so ein idealer Lebensabend vergönnt? Welche individuellen Verhaltensmuster machen ein angenehmes Alter wahrscheinlicher? Oder ist Alter eben doch nur der Horrortripp vor dem Ende? Das spanisch-mexikanische Autorinnen-Duo Fernández-Ballesteros und Mendoza-Ruvalcaba bietet in seinem Artikel „Toward a Definition of `Successful´ Ageing“ (Hin zu einer Definition des Begriffs `erfolgreiches´ Altern)* einen Überblick über den Wandel des Altersbegriffs aus Sicht der Wissenschaft.
Was genau verbirgt sich hinter dem Schlagwort „Successful Ageing“ (SA) [Erfolgreiches Altern]? Die meisten Menschen, die man mit dieser Frage konfrontiert, können einem zumindest in groben Zügen sagen, was SA verhindert. Es werden Pflegebedürftigkeit, physische und psychische Erkrankungen, Einsamkeit, Armut und Diskriminierung genannt. Verkehrt man diese negativen Begriffe in ihr Gegenteil, so landet man ungefähr bei: Unabhängigkeit, physische und psychische Gesundheit, soziale Einbindung, Reichtum und Anerkennung. Erfüllt ein alter Mensch, auf den all diese positiven Begriffe passen, die Voraussetzungen für SA? Und was ist mit den übrigen, also denen, die nicht in allen Belangen topp Noten erzielen?
Als grundsätzliche Erkenntnis bestätigt die Wissenschaft, dass SA das Ergebnis eines lebenslangen Prozesses ist. Maßgeblich sind demnach sowohl „private Handlungsstrategien“ als auch „öffentlich bereitgestellte Handlungsspielräume und Entwicklungsmöglichkeiten“.
Es fällt positiv auf, dass das Altern einer Gesellschaft seit nunmehr 50 Jahren differenziert betrachtet wird. So wird diese strukturelle Veränderung nicht ausschließlich als Problem, sondern auch als Chance wahrgenommen.
Schon der amerikanische Altersforscher Robert James Havighurst (1960) beschreibt zwei Ansätze, die zu SA führen könnten:
- Activity Theory (Aktivitätstheorie): SA wird erreicht, wenn man so lang als möglich die Einstellungen und das Verhalten des mittleren Lebensabschnittes aufrecht erhält.
- Disengagement Theory (Auskupplungs- und Befreiungstheorie): SA meint, dass man das Alter als Phase akzeptiert oder sogar sucht, in der man sich nach und nach vom aktiven Leben zurückzieht bzw. zurückziehen darf.
Entscheidend ist, so arbeiten es Fernández-Ballesteros und Mendoza-Ruvalcaba heraus, dass das Alter jetzt nicht mehr nur als Phase des Verfalls sondern auch als Phase der menschlichen Entwicklung dargestellt wird.
Auf die politische Bühne
Ausgehend von den wissenschaftlichen Ergebnissen erreicht die Thematik, nun verwoben mit einem positiven Ansatz, spätestens in den 80er Jahren des 20. Jh. auch die politische Ebene. Zu nennen sind:
- 1982 UNO hält die erste Weltversammlung über das Altern in Wien ab. (2002 findet dann die nächste derartige Versammlung in Madrid statt.) Es werden zwei „International Plans of Action on Ageing“ (Weltaltenpläne) entwickelt und verabschiedet. Diese Pläne sollen einen positiven Alterungsprozess befördern.
- 1990 „WHO – Healthy Ageing“: Die Gesundheitsorganisation unterstreicht, dass Alter nicht stereotyp mit Krankheit verbunden werden darf und dass insgesamt eine gesunde Lebensführung Voraussetzung für SA ist.
- 1999 „WHO – Principles of Active Ageing“: Die Organisation formuliert Tipps zum Thema „Wie bleibt man das ganze Leben lang und vor allem im Alter gesund?“. Aktives Altern soll zu einer globalen Realität werden. Auch hier ist sowohl jeder einzelne als auch die Politik gefordert.
- 1999 „Das internationale Jahr älterer Menschen“: Thema des Weltgesundheitsjahrs in diesem Jahr: „Active ageing makes the difference“ [das deutsche Motto: Aktiv leben – gesund alt werden“]
Was kann das bedeuten?
Was macht nun ein ganz normaler Bürger aus all dem? Er erfährt zunächst, dass sich sowohl die Wissenschaft als auch die Politik mit Fragen, die das Alter des Einzelnen und vor allem der Gesellschaft betreffen, befasst. Diese Tatsache allein könnten Optimisten bereits als beruhigend empfinden. Der weniger Zuversichtliche bekommt von höchst offizieller Seite bestätigt, dass er unbedingt selbst und beizeiten umfassend Vorsorge für das eigene Alter treffen muss. Das Beherzigen dieser Erkenntnis sei auch dem Pessimisten dringend anempfohlen. Bei aller Skepsis gegenüber UNO, WHO, Politik und Wissenschaft, wird er einräumen, dass die Perspektiven kaum rosiger wären, wenn es nicht Menschen gäbe, die einen positiven und konstruktiven Blick auf einen Lebensabschnitt lenken, der sich in Zukunft für viele sehr in die Länge ziehen könnte.
* A. Kruse (Hrsg.), Leben im Alter – Eigen- und Mitverantwortlichkeit in Gesellschaft, Kultur und Politik. Festschrift zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr (S 3-14), Akademische Verlagsgesellschaft, Heidelberg, 2010
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