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Tageszeitung probelesen

• Montag, 07. Juni 2010    Diesen Beitrag drucken

Nun ist schon etwas Gras über Horst Köhlers Rücktritt als Bundespräsident gewachsen und eines Tages wird es wieder heißen: Horst ….wer? Bei mir aber hat er sich ins Gedächtnis eingenistet wie die in Tee getunkte Madelaine in das Gedächtnis von Marcel Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) und zwar durch den Satz, den er den Machern der Hochfinanz zugerufen hat: „So etwas tut man nicht!
Dieser Satz verfolgte mich während meiner ganzen Kindheit und Jugend und weiter bis zu meinem 50. Lebensjahr, in der Regel noch ergänzt durch die bedrohliche Frage: „Was sollen die Leute (Nachbarn, Freunde, Kollegen etc.) denken?“
So etwas tut man nicht!“ Dieser Satz duldete keine Widerrede und bedurfte auch keiner Erklärung oder Rechtfertigung. Er war wie ein Naturgesetz und befahl absolute Anerkennung. Im guten bürgerlichen Milieu meines Elternhauses, also auch bei den Freunden und Bekannten meiner Eltern, durfte nicht vorkommen, was in den besten Kreisen durchaus verzeihlich war.
Um des lieben Friedens Willen, aus Feigheit, mentaler Faulheit oder Angst vor Repressalien schwiegen wir, solange wir zu Hause unter Beobachtung standen – und das war um einiges länger als heute – oder nahmen Zuflucht zu einem Doppelleben gepaart mit einer ebensolchen Moral, bis „die Luft rein war“. Das wurde sie im Gefolge der Bewegung der 68er – für viele von uns eine Erlösung von Verlogenheit, Heimlichtuerei und Unterdrückung. Sogar Gesetze wie der Kuppeleiparagraph, der Paragraph 175 gegen die Homosexualität, die ungleiche Behandlung unehelicher Kinder und die Diskriminierung der Frau wurden abgeschafft oder radikal verändert.
Das gibt mir die Zuversicht, dass sich auch in anderen Ländern, in anderen Gesellschaften und auf anderen Gebieten – z. B. denen der Wirtschaft, der Hochfinanz, der Forschung, der Religion(en) und des Umweltschutzes – Veränderungen zum Positiven (Toleranz, Achtsamkeit, Gerechtigkeit) Bahn brechen werden. Die ewige Behauptung der Alten Leute „Alles wird schlechter“ stellt sich hoffentlich als falsch heraus.

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Ein Kommentar

  1. 1
    Monique Maeno 

    Die folgenden Gedanken habe ich mir nach der Lektüre dieses Textes gemacht:

    Wie wichtig kann doch ein Wort sein. Es handelt sich um das Wort wahrscheinlich und um das Wort vielleicht im Zusammenhang mit dem Satz Das tut man nicht.
    In meinem Elternhaus hieß es meistens Das tut man vielleicht nicht … oder Bei anderen Leuten tut man das wahrscheinlich nicht, aber wir tun es doch,weil wir es richtig finden … .
    Was lernt man dabei als Kind? Man lernt dabei, dass es in vielen Situationen keine absolute Regel gibt, dass man sich seine eigene Meinung bilden sollte, und dass die eigenen Eltern vielleicht nicht immer so handeln, wie die meisten anderen Menschen es vielleicht/wahrscheinlich für richtig halten … .

    Mein Elternhaus war eine komische Mischung aus traditionellen Leuten, Künstlern,
    Außenseitern, Großbürgern und Frauen, die ihren Mund aufmachten, wenn ihnen etwas nicht passte!!!!!

    Für mich gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Art und Weise, in der meine Geschwister und ich erzogen wurden und der Erziehung, die ich meinem Sohn habe zuteil werden lassen. Die Welt um uns ist anders geworden aber die Werte, die in meinem Elternhaus galten, haben für mich ihre Gültigkeit behalten. Diese Werte sind:
    Man soll sich den anderen gegenüber so freundlich wie möglich benehmen.
    Man soll immer versuchen, den anderen zu verstehen.
    Man soll frei und offen sein und ohne Vorurteile.
    Man soll sich von den anderen nicht vorschreiben lassen, was sich gehört!!!
    Man soll die Harmonie suchen und nicht den Streit, aber sich nicht unterdrücken lassen.
    Man soll das Leben genießen, viel lachen und … (nein, das gefällt mir nicht, ich möchte es lieber nicht schreiben).

    Diese Grundlinien waren immer da, was sich aber verändert hat, das sind die äußeren Umstände und die sind natürlich viel viel besser geworden. Die Generation meiner Mutter hat einen schlimmen Krieg erlebt, immer Angst gehabt, noch mehr Kinder zu bekommen. Frauen durften kein eigenes Konto haben (in Frankreich bis in die 60er Jahre) und konnten nicht jeden Beruf ausüben. Es stimmt also wirklich, was Annemarie Weber schreibt, es ist alles besser geworden. Frauen, die allein leben, sind etwas ganz Normales, Frauen verdienen ihr eigenes Geld und können sogar Bundeskanzlerin werden!! Der Kampf um die Gleichberechtigung muss zwar weitergehen, vieles ist aber heute schon besser als früher!!!